Selbsthilfe gegen die Not

Die Wurzeln der modernen Genossenschaftsidee

Im 19. Jahrhundert führten Bauernbefreiung, Industrialisierung und zunehmende Land-Stadt-Migration zu einer Verschärfung des Existenzkampfes auf dem Land und zu einem Niedergang traditioneller Strukturen im Handwerk. Um den sozialen Missständen in der Stadt und auf dem Land zu begegnen, schlossen sich Arbeiter und Landwirte unter anderem zu verschiedenen Genossenschaften zusammen.

Dampflokomotive Adler Nürnberg-Fürth 1935 Der „Adler“ befuhr ab 1835 die erste Bahnstrecke Deutschlands. (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)

 

Adolph v. Menzel: Eisenwalzwerk (1875) Adolph v. Menzel: Das Eisenwalzwerk (1875) (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)

Der Übergang von den vormodernen zu den modernen Genossenschaften geschah eher fließend mit Beginn des 19. Jahrhunderts. Es war eine Epoche großer Umwälzungen in Wirtschaft und Gesellschaft: Die Industrielle Revolution brach an, gekennzeichnet durch revolutionäre Veränderungen bei den Produktionstechniken (Dampfmaschine, mechanischer Webstuhl), der betrieblichen Organisation (Fabriken, Aktiengesellschaften) sowie dem Verkehrs- und Kommunikationswesen (Eisenbahn, Kanalbau, Verbrennungsmotor, Telegraphie, Telefon).

Massenproduktion und Überangebot an Handwerkern

Zu den Leidtragenden dieser Entwicklung zählten unter anderem die kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden in den Städten. Denn statt bisher durch die kleinen Handwerksbetriebe vor Ort wurde die Versorgung der Bevölkerung zunehmend durch industriell gefertigte Waren aus teilweise weit entfernten Fabriken übernommen. Zudem litten sie unter den Folgen des starken Bevölkerungswachstums und einer zunehmenden Land-Stadt-Migration.

Da die Industrie vielerorts als Arbeitgeber anfänglich noch kaum ins Gewicht fiel, drängten immer mehr Arbeitssuchende in Berufe, die leicht und ohne großen Kapitalbedarf auszuüben waren und die infolge der Gewerbefreiheit und der Aufhebung des Zunftzwanges keinen Zugangsbeschränkungen mehr unterlagen. Schnell entstand beispielsweise bei Schuhmachern, Tischlern, Schneidern oder Webern ein Überangebot, das auf die Preise drückte und – zusammen mit der zunehmenden maschinellen Massenproduktion – zum Niedergang traditioneller handwerklicher Strukturen beitrug.

Armut auf dem Land

Ebenfalls stark betroffen von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen waren weite Teile der ländlichen Bevölkerung. Hier hatten die Stein-Hardenbergschen Agrarreformen zwar zur Bauernbefreiung geführt. Doch als Ausgleich für den Wegfall ihrer Dienstbarkeit gegenüber den Gutsherren hatten viele der bis dahin gutsuntertänigen Bauern vor allem in den Gebieten östlich der Elbe ein Drittel bis teilweise sogar eine Hälfte ihres Landes abtreten müssen. Im Westen Deutschland waren die Naturalabgaben vielfach durch langfristig tilgbare Geldrenten abgelöst worden. Statt weiter mit der direkten Abgabe von Feldfrüchten, Vieh oder Holz ihre Verpflichtungen zu erfüllen, mussten die Bauern ihre Erzeugnisse zuerst selbst in Geld verwandeln.

Bauernschaft auf Rittergut bei Thale Landarbeiter auf einem Gutshof (ca. 1910) (Quelle: Stadtarchiv Thale)

Viele von ihnen konnten sich daher kaum ihrer neu gewonnenen Freiheitsrechte erfreuen. Stattdessen gerieten sie in finanzielle Bedrängnis, wobei sie – anstatt von ihren früheren Grundherren, die immerhin gewisse Schutzpflichten gegenüber den Untertanen hatten – nun von wenig skrupellosen Geldverleihern abhängig wurden. Zusätzlich verschärft wurde ihre Situation oftmals durch den Verlust von Vieh sowie Missernten infolge schlechter Witterungsbedingungen.

Hinzu kamen die Auswirkungen der Industrialisierung: Gegenüber der maschinellen Massenproduktion verlor die insbesondere im Textilsektor verbreitete Heimarbeit schnell ihre Konkurrenzfähigkeit. Damit brach für viele Bauern eine Nebenerwerbsmöglichkeit weg, auf die gerade die Besitzer von Klein- und Kleinstbauernstellen als Ergänzung zur saisonalen Landarbeit angewiesen waren.

Die „Soziale Frage“

Insgesamt bedeutete diese Entwicklung für breite Bevölkerungsteile sowohl auf dem Land als auch in den Städten gravierende Einschnitte bei den Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dabei sahen sich vor allem die unteren Bevölkerungsschichten von einer zunehmenden Verelendung betroffen. Hierzu zählten unter anderem:

  • eine mangelhafte Wohnsituation in den anwachsenden Städten (triste, überbelegte Mietskasernen mit primitiven hygienischen Verhältnissen),
  • prekäre Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten von zwölf und mehr Stunden, geringes Lohnniveau, fehlender Arbeitsschutz),
  • Frauen- und Kinderarbeit und deren Folgen (fehlende Schulbildung, körperliche und seelische Schäden, Prostitution) sowie
  • Trunksucht (infolge von Elendsalkoholismus bzw. auch von gefördertem Alkoholkonsum in den Fabriken zur Motivationssteigerung).

Als Gesamtheit für diese sozialen Missstände, die den Übergang von der Agrar- zur sich verstädternden Industriegesellschaft kennzeichneten, wurde der Begriff der „sozialen Frage“ geprägt. Zu ihrer Lösung trugen eine Reihe neuer Bewegungen bei, zu denen neben der Gründung von Parteien oder dem Zusammenschluss der Arbeiter zu Gewerkschaften auch die Bildung von verschiedenen Genossenschaften gehörte.

Selbsthilfe als Ausweg

Die meisten Formen dieser modernen Selbsthilfeorganisationen entstanden dabei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem in England und Frankreich, beeinflusst unter anderem durch Claude de Saint-Simon (1760-1825), Robert Owen (1771-1858), Charles Fourier (1772-1837) oder William King (1786-1865). Die dortigen Ideen zu Konsum-, Bau-, Einkaufs- oder Absatzgenossenschaften wurden auch in Deutschland verfolgt, übernommen und weiterentwickelt.

Als geistige Geburtsväter erwiesen sich dabei neben Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) und Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) – welche beide heute als Gründerväter des deutschen Genossenschaftswesens gelten – unter anderem auch Heinrich Ahrens (1808-1874), Victor Aimé Huber (1800-1869), Eduard Pfeiffer (1835-1921), Otto Friedrich von Gierke (1841-1921) oder Max Sering (1857-1939).